Der verzauberte Blick

von Jo Schmid

Was ist wirklich an der Wirklichkeit, was ist ein Traum, was die Phantasie ? Was ist ein Gedanke, was ein Moment ? Wie real ist ein Augenblick, wie wahr ist eine Stunde ? Es gibt nicht viele Freiräume, die im "normalen"  Alltag zur Verfügung stehen, in denen sich unser Geist ausbreiten darf, ungehindert einer unsichtbaren Spur folgend, zweckfrei, ohne Ziel, ausgerichtet alleine auf das unvoreingenommene Erkennen von Möglichkeiten, so ungenau, so unscharf wie nur möglich, bis dann der innere Blick sich fokussieren darf und scharf wird, den Hintergrund betrachtend, ohne das Vordere zu übersehen.

Der "verzauberte Blick", wie wir es gerne nennen, ist eine Gabe, die jedem von uns gegeben ist. Es ist nichts anderes, als sich einzulassen auf das, was gerade "da" ist und sich die Freiheit zu geben, so unvoreingenommen, wie nur möglich betrachten, hören, spüren, und fühlen zu können.
Das Sichtbare ist oft genug unsichtbar in der persönlichen Wahrnehmung. Wie oft bleiben Details "übersehen" und springen dann nach hundertfachem unbemerkt Gesehen-werden plötzlich als "neu" ins Auge. Und ebenso ist das vermeintlich Unsichtbare sichtbar, sofern der Blick sich bewegen darf und nicht durch eine vorgefertigte Meinung eingeschränkt wird. # 54# 54

Wahrnehmung ist kein intellektueller Prozess. Vielmehr "passiert" sie uns unablässig, unabhängig davon, ob wir es merken, oder nicht. Und genau das ist der wesentliche Punkt, nämlich die Frage, was ich gewohnt bin zu bemerken und vor allem, was ich gewillt bin wahrzunehmen. Diese Art der Filterung ist entscheidend für die Qualität des Sehens und des Erfahrens und es ist wohl nicht übertrieben zu behaupten, dass diese Filterung auch die Qualität unseres Lebens mitbestimmt.  

Unserem viel verehrten Altmeister Goethe möchte ich seinem Zitat: "Man sieht nur, was man weiss" hinzufügen, dass man auch wissen kann, was man nicht sieht. Und dieses Wissen über das nicht " Wissbare" und nicht Sichtbare ist es, was die Tore öffnen kann zu neuen Erfahrungswelten. Das Schöne daran ist, dass diese Welten an keinerlei Bedingungen geknüpft sind, dass sie an niemand anderen gebunden sind, sondern sich ausschliesslich in uns selbst, auf eine einzigartig individuelle Art und Weise zeigen können. Nichts kann unseren eigenen "verzauberten Blick" einschränken - ausser natürlich wir selbst

Und so ist vielleicht eine wichtige Frage, ob wir uns selbst diese Freiräume nicht vielleicht viel öfter geben sollten und ob wir es uns nicht vielleicht viel öfter erlauben sollten ohne vorgegebenes Wissen auf die Dinge und auf das, was geschieht zu schauen. Wie erfrischend kann es sein, einen Menschen, den wir schon lange zu kennen glauben auf eine völlig neue Art zu betrachten, oder ein Kunstwerk, eine Musik, einen Text, einen Film, oder gar die eigene gewohnte Umgebung.

Das eigentliche "Geheimniss" des "verzauberte Blickes" ist etwas, was wir immer schon konnten, eventuell vergessen haben, sicher aber viel zu wenig anwenden: Neugierig zu sein und Staunen zu können, wie wir es als Kinder getan haben. Die Phantasie ist ein Sinnesorgan und wir können es nutzen, oder auch nicht, wir können auf die (eigene) Welt schauen, wie wir sie festgelegt haben, oder wir können uns immer wieder aufs neue überraschen lassen.
Eines ist und bleibt dabei sicher: Wir haben immer die Wahl.