„Die Schönheit findet sich an der Grenze zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren.“

Ein Essay über den Lichtbildner Jo Schmid von Dr. Renate Müller, Kunsthistorikerin in München

 

DAS UNSICHTBARE

Ebenen, die dahinter liegen

Fotografie ist zunächst ein Medium, das abbildet, was Stilles Licht vol. 338Stilles Licht vol. 338 Menschen in ihrer Wirklichkeit wahrnehmen: Bäume, Meer, Berge, Pflanzen, Städte...Aber da gibt es hinter dieser ersten sichtbaren Oberfläche mehr: Strukturen, Formen,  Überraschendes, Bedrohliches, Großartiges, Farbiges, Friedvolles, Stille, zu Entdeckendes. Das was auf den ersten Blick der bekannten Wirklichkeit schnell zugeordnet werden kann, führt auf den zweiten Blick zu weiteren Ebenen.

Einem Bergrücken, aufragend, nackt und kahl antwortet im Vordergrund eine Erdlinie mit Absenkung wie eine Gegenbewegung zum Aufragenden. Die Mulde ist leicht aus der Blickachse nach links verschoben und wird durch das zarte helle Gespinst einer Wolke auf der rechten Bildseite ausbalanciert. Motiv und die Art der Komposition erzeugen im Betrachter Ruhe und verbinden mit der inneren Emotion der Erhabenheit und Größe.

Jo Schmids Bilder wirken über den ersten Blick hinaus. Er abstrahiert und löst ab vom zugeordneten Motiv. Über die unterschiedlichen Arten der Bearbeitung und Inszenierungen führt er den Betrachter zu neue Zusammenhängen, zu veränderten Wertigkeiten und zu den eigenen Gefühlen.

 

DAS SICHTBARE

Fotografie und der erste Blick

Ausgebildet als klassischer Fotograf hat er sich viele Jahre professionell mit dem Metier der Fotografie und des Fotografierens beschäftigt. Geschult hat er seinen Blick an den Bildern der Fotografie der vierziger, fünfziger und sechziger Jahre: Scharfer Blick, einfache Formen, schnörkellose Sachlichkeit, meist Schwarz-Weiß. Das Bekannte und Sichtbare des ersten Blicks lassen die Motive jedoch oft hinter sich. Ihre ungewöhnliche Ästhetik, Ihre Bildkomposition führen über die Grenze des ersten Blicks hinaus.

 

Die Technik - Handwerk, das sichtbar macht

Jo Schmid schätzt den handwerklichen Anteil der klassischen Fotografie: die Werkstoffe des Films, des Labors, der Abzüge, der Negative, der Papiere, die  Möglichkeiten der analogen Fotoarbeit.

Wandlungen vol. 870 Parallel dazu war er von Anfang an offen für die neuen digitalen Medien. Intensiv und ausführlich hat er sich in den letzten Jahren mit diesen ganz anderen Formen der Bearbeitungen und der Interventionen beschäftigt.  Entscheidend sind die Freiräume, die eine technische Bearbeitung - analog oder digital - ausgehend von den abgebildeten Motiven eröffnen. Durch Handwerk und digitale Technik entwickeln sich aus der ursprünglichen Form im Prozess der Bearbeitung ganz neue Ebenen. Es treten aus dem Abgelichteten überraschende Formen hervor, Farben, Bezüge und auch Stimmungen. Die gestaltgebende Energie der Bearbeitung lässt Jo Schmid zum Licht-Bildner werden.  Wandlungen vol. 870

Er bearbeitet die Originalmotive nicht nur mit unterschiedlichen Farben und Lichtformen. Die haptische Qualität seiner großen Bildformate auf Leinwand, die unterschiedlichen Drucktechniken oder die Auswahl aus den ganz unterschiedlichen Papierträgern wirken auf den Bildeindruck im Betrachter. In Vorbereitung sind Murals,  Wandcollagen und Triptychen, die über ihre Form der Materialität eine nochmals andere Wirkung entfalten. 

 

Bildwerden - Über das Bedeutsame, das Großartige und die Schönheit

Lassen wir es zu, das „Foto“ zu definieren, als etwas, das sich mit dem Abbilden des ersten Blicks, der Oberfläche begnügt. Und das „Bild“ als etwas, das sich erst mit den Ebenen nach dem „Foto“, dem ersten Blick und der Oberfläche im Betrachter entwickelt. Das „Bild“ stößt fremde, unbekannte Räume auf. Jo Schmid geht es um das Bildwerden, das „Bedeutsame“, das hinter jedem ersten Blick als Möglichkeit existiert. 

Mit bedeutsam ist nicht gemeint „bedeutende“ Gegenstände, Formen oder Gesten. Bedeutsames ist einfach da, in allem was ist: Berge, Meer, Bäume, Wolken, Pflanzen Landschaften jeder Art. Es geht nicht um „Monumentalität“ oder „Dramatik“. Jede noch so bescheidene Pflanze hat es, das „Bedeutsame“. Plants, vol 509 Es ist das Überraschende oder man könnte auch von „Seele“ sprechen, was hinter jeder äußeren Form steckt. Das Bescheidene oder einfach jedes Seiende wird dann als „Großartiges“ erkennbar. Es zeigt sich an der Grenze von Sichtbaren und  Unsichtbaren in einer außergewöhnlichen Ästhetik und Schönheit, die berührt.

 

Es gibt eine Schönheit und Ästhetik, die sehr wohl auch an der Oberfläche und mit dem ersten Blick sichtbar ist. Es ist eine Ästhetik und Schönheit, die verführen soll und kann. Diese inszeniert mit hoher Perfektion und Anziehungskraft das Äußere im Fotodesign. 

Sie ist uns allen bekannt aus der Werbung und der Konsumwelt. Auch Jo Schmid kennt sie, gut sogar. Er konnte von ihrer Ästhetik lernen, den Betrachter anzuziehen.

Im Jahr 2000 entschied er sich, den Schritt weg vom „Foto“ hin zum „Bild“ zu machen: die Grenze zwischen dem äußeren Sichtbaren zu überschreiten und zum Licht-Bildner zu werden. Er nimmt den Betrachter mit und lässt im Bild die Dimensionen dahinter spürbar werden. Diese Art von Schönheit, die sich dem Betrachter in dem „Bildwerden“ an der Grenze zum Unsichtbaren eröffnet, hat Tiefe und Vielschichtiges. 

 

„Lose Enden“

Den meisten ist Jo Schmid heute eher als Coach bekannt und nicht als „Licht-Bildner“. Noch.

Auf den ersten Blick scheinen es zwei „lose Enden“  zu sein innerhalb seiner Biographie. Fast scheu hält er sie von einander getrennt. Doch haben diese beiden Bereiche auf den zweiten Blick viel mehr gemeinsam, als es zunächst scheint. Jo Schmid schaut als Coach wohlwollend und mit großer Sensibilität zunächst auf das, was sich auf den ersten Blick zeigt - wie der Licht-Bildner. Er sieht an der Grenze zum Unsichtbaren in seinem Gegenüber jedoch immer auch das „Bedeutsame“, die „Schönheit“, das Licht. Gemeinsam und in Verbindung wird diese herausarbeitet hin zur „Persönlichkeit“ bzw. zum „Bild“. Schönheit, Bedeutsames und Großartiges an der Grenze zwischen Sichtbaren und Unsichtbaren sich entwickeln zu lassen ist sein Beruf und seine Berufung.